27
Jan 13

#Aufschrei: weniger Anschreien, mehr Respekt

Das hier ist nur ein Ausschnitt zu meinen Gedanken zur Aufschrei-Debatte. Der komplette Artikel “#Aufschrei: Anschreien zerstört den Dialog ist bei dialogtexte zu lesen. 

Zwei Tage lang habe ich sehr intensiv die #Aufschrei-Debatte auf Twitter verfolgt. Meinem ersten Impuls zu sagen: “Gut so, weiter so!” folgte bald ein mulmiges Bauchgefühl, dass das Ganze in der Art und Weise wie es angegangen wurde, irgendwie in die falsche Richtung läuft. Ich habe sehr viel gelesen. Viele Tweets, viele Stimmen, viele Blogbeiträge. Viel bewegendes, trauriges und auch kluges. Aber vieles hat mich ebenso verwirrt, irritiert und auch erschreckt. Für meinen Geschmack wurde oftmals zu viel pauschalisiert. Ja klar, ich bin auch eine Frau und finde mich in einigen oder ähnlichen Situationen, über die bereits berichtet wurden, wieder. Ich habe auch abends alleine in Parkhäusern oder auf dunklen Wegen Angst und finde es Scheiße, dass das so sein muss. Ohne Frage wünsche ich mir auch, keine Angst haben zu müssen. Mich nicht wehren zu müssen. Deswegen ist eine Debatte dazu wichtig. Sehr wichtig.

Doch #Aufschrei auf Twitter ist für mein Empfinden gerade geprägt von hochkochenden Emotionen und einer aufgeheizten Stimmung, die nicht unbedingt eine differenzierte und sachliche Debatte fördert. Ohne Zweifel ist es ein Thema, in denen sich Emotionen auch nicht per Knopfdruck abstellen lassen. Und es ist richtig, dass Alltagssexismus raus aus der Tabu-Ecke endlich in die Öffentlichkeit kommt. Die Frage ist für mich deshalb gar nicht das ob, sondern das wie. Ich wünsche mir einfach weniger gegenseitiges Anschreien und Angreifen, sondern mehr Respekt und Verständnis von allen.

Um meine eigenen Gedanken ein bisschen zu sortieren und zusammenzufassen, fing ich also gestern spontan an einen Blogpost zu schreiben. Ich war schon fast fertig, als mir einfiel, dass bei Katrin Zinoun – einer lieben Netzwerkkollegin aus dem Texttreff – noch ein Gastbeitrag zur Blogwichtelaktion von mir ausstand. Und dieser Beitrag passte perfekt zu ihren dialogtexten. Kurzerhand entschied ich mich also dazu, Katrin meinen Kommentar zu #Aufschrei zur Verfügung zu stellen, obwohl ich eigentlich einen ganz anderen Beitrag in Arbeit hatte. Er passte einfach zu gut.

Meine Gedanken zu #Aufschrei findet Ihr also hier: #Aufschrei: Anschreien zerstört den Dialog.


04
Jan 13

Kleine Herzensfreuden und mein Internet (1)

Kleine Überraschungen kommen immer so überraschend. Gerade in diesen ersten Tagen hat mich so eine kleine Jahresanfangstristesse erwischt. Das Wetter ist durchgehend grau und regnerisch und mein Biorythmus ist durch die Feiertage und Ferien und was auch immer ziemlich durcheinander geraten. Irgendwie weiß ich mit 2013 gerade noch nicht soviel anzufangen. Keine Ahnung, was dieses Jahr bringen wird. Deshalb freue ich mich über solche unerwarteten Überraschungen ganz besonders. Vor allem dann, wenn sie von lieben Menschen kommen. Merkwürdig, dass so was immer genau zum richtigen Zeitpunkt kommt.

Heute kam ein Päckchen von Claudi. Claudi ist eine Oktobermami 2002, wie ich. Wir kennen uns jetzt seit bald 11 Jahren, wie auch meine anderen lieben Oktobermamis. Kennengelernt haben wir uns alle während der Schwangerschaft durch das Internet. Schwangerschaftsforen wurden irgendwann zu öffentlich, also richteten wir eine geschützte Mailingliste ein. Damals noch bei Yahoo. Mittlerweile als Google Group. Die Freundschaften, die in all den Jahren entstanden sind, halten bis heute. Wir versuchen uns regelmäßig zu Treffen, mindestens einmal im Jahr. Frau Textania hat da mal was zu gebloggt, wie so ein Treffen aussieht. Manchmal ist das für mich wirklich unglaublich. Und dann denke ich: was wäre nur gewesen, gäbe es das Internet nicht. Ich habe es ja im Oktober schon mal in einer spontanen Liebeserklärung auf Facebook gesagt – und das habe ich wirklich ernst gemeint. Mir wären viele tolle Begegnungen ohne dieses Internet schlicht entgangen. Oder sie würden mir zukünftig entgehen. Ich könnte jetzt noch so viel mehr über mein persönliches Internet schreiben, denn da gibt es noch einiges. Doch das ist genug Stoff für einen neuen Blogartikel. Oder zwei. Aber specially für Claudi, die ja nicht bei Facebook ist, gibt es das Posting noch mal hier ;-)

Aber zurück zum Thema Herzensfreude: das letzte Jahr – und vor allem die letzten Monate waren wirklich nicht leicht für Claudi. Tatsächlich begann es schon am 14. Oktober 2011. Ich werde dieses Datum nicht vergessen, weil ich ursprünglich am 15. Oktober nach Essen wollte, damit wir gemeinsam ein Seminar besuchen konnten. Doch mich hatte es mit einer Grippe erwischt und ich konnte nicht fahren. Ich schrieb ihr eine SMS, eine Mail – und hörte dann nichts weiter. Eine Woche lang. Ich wurde unruhig, das passte irgendwie nicht. Dann kam die Nachricht, dass sie an dem Tag eine Aortendissektion hatte. Der Schock bei mir saß ziemlich tief. Wie plötzlich so etwas passieren kann. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich mag immer noch nicht daran denken, wie es hätte ausgehen können. Und ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich Claudis Bericht von damals lese. Besonders an dieser Stelle:

Der Arzt telefoniert mit 2 verschiedenen Telefonen, wartet auf Rückrufe, die Zeit schleicht dahin. Als er jemanden an der Leitung hat sagt der Pfleger dauernd: ”Sag ihnen, dass die Patientin erst 37 ist und einen kleinen Sohn hat!”

Das sind genau die Momente, an denen alle anderen Problemchen, Wehwehchen und Sorgen mir einfach nur blödsinnig vorkommen.

Im letzten Sommer haben wir mit Claudi und @Textania einen wunderschönen Urlaub in Golsmaas an der Ostsee verbracht, in dem wir auch Alexandra und Familie nach viel zu langer Zeit endlich wieder sehen konnten. Im September fingen wir mit der Urlaubsplanung für 2014 an. Toskana oder Umbrien sollte es werden. Doch dann musste Claudi unerwartet wieder operiert werden.

Und heute kam dann dieses Päckchen. Einfach so. Kekse für das kleine Keksmonster und für das Tochterkind gab es zur Erinnerung an den Urlaub noch Bonbons aus der Bonbonkocherei in Eckerförde (die übrigens sooo lecker sind ;-)).

Und was zum Träumen. Ein Toskana-Katalog. Genau das brauche ich jetzt bei diesem grauen Januarwetter. Ich träume dann jetzt mal ein wenig. Muss ja auch mal sein. Das sind die kleinen Herzensfreuden, die das Leben immer wieder ein bisschen schöner und bunter machen.

Danke liebe Claudi!


21
Dez 12

“Twitter rockt!” Ein Twinterview mit der Textzicke

Jedes Jahr findet in dem weltbesten aller Netzwerke – dem Texttreff – eine großartige Blogwichtelei statt. Das heißt: alle teilnehmenden Textinen werfen ihr Blog in den Lostopf und schreiben nach der Auslosung einen Gastbeitrag für ein anderes tolles Textinenblog. Ich habe mich total gefreut, dass die wunderbare Lilian Kura aka @textzicke mein Blog bewichteln sollte. Das Thema war auch ganz schnell gefunden: Twitter – was sonst! Denn wenn jemand dafür prädestiniert ist aus dem Twitterleben zu plaudern, dann ja wohl keine andere als die Textzicke. Vielen Dank also für dieses tolle Twinterview, liebe Lilian! So. Jetzt seid Ihr aber auch neugierig, oder? Also gut, los geht’s!

Liebe Lilian, beschreibe Dich doch mal in drei Hashtags.

#wtf: (= „what the f.ck?“) Nichts beschreibt besser meine Meinung zu dämlichen, schockierenden oder entnervenden Fakten, die mir täglich über den Weg laufen. Gut an #wtf: Es geht meist schnell vorbei und ich hopse wieder vergnügt durchs Leben. Weil ich mir nämlich nicht einfach die Laune verderben lasse. So.

#Rabenmuttercontent: Diesen Hashtag verwende ich immer dann, wenn ich die Twitterwelt an meinen teils rabenmütterlich anmutenden Erziehungsversuchen teilhaben lasse. Ob ich nun pumaartig müffelnde Teenager des Autos verweise oder Zimmeraufräumungen per „Ich mache sonst ein Foto und twittere das!“ erzwinge – es mag herzlos klingen, erfüllt aber seinen Zweck. Und zwischendrin bin ich ja auch nett zu ihnen, so isses ja nicht.

#Lektorenleid/#Texterfreuden: Das Dasein als Texterin und Lektorin hält Höhen und Tiefen bereit, die ich allesamt überaus teilenswert finde. Stoße ich z.B. in einem Text auf grausige Satz-/Grammatik-Ungetüme oder Begrifflichkeiten, wird das deshalb in launige Tweets gepackt und entsprechend verhashtaggt. Ebenso verfahre ich, wenn ich für Kunden Lieblingsthemen in Worte fassen darf. Ganz nebenbei bekommen meine Follower so ein Bild von meinen Spezialgebieten. Und lehrreich ist’s auch noch. ;-)

Wie lange twitterst Du schon und wie kam es dazu?

Ich treibe mein Unwesen auf Twitter seit April 2009. Und schuld sind vor allem – tataaa! – zwei Textinen!

Denn die fabelhafte Britta Freith twitterte schon länger, als ich sie im Frühjahr 2009 besuchte. Bei jedem dritten Lacher, den wir abends auf der Couch brachten, sprang sie zum Computer, kreischte „Das muss ich einfach twittern!“ und verwurstete das Geschehen in einem Tweet. Mich nervte das kolossal; nein, diese Begeisterung konnte ich nun gar nicht verstehen. Ein Zeiträuber-Tool! Und dann auch noch mit fremden Menschen kommunizieren! Aber dann nagte und nagte Britta an mir herum: „Du wärst dafür gemacht, sag ich Dir! Das macht so viel Spaß! Nun versuch doch mal.“ Ich wehrte mich, lungerte aber fortan Abende lang auf Blip (das musikalische Pendant zu Instagram) herum. Joah, doch, völlig doof war das gar nicht mit diesen fremden Menschen, ähömm. Dann kam Mela Eckenfels und ihr Web 2.0-Workshop im Wendland. Neben facebook, LinkedIn & Co. war natürlich Twitter ein Thema. Und so geschah es, dass ich mir noch in selbigem Workshop einen Twitter-Account an- und sofort loslegte. Dass Britta mit allem Recht gehabt hatte, war schnell klar. Und da bin ich nun. :-)

Was ist macht Dir am meisten Spaß bei Twitter?

Die Menschen darin, in ihrer schillernden Vielfältigkeit und ihren einzigartigen Ausdrucksweisen. Da sind, wenig überraschend, sehr viele WerberInnen, JournalistInnen, AutorInnen, FotografInnen. Da sind Mütter und Väter, die mich auf humorige Weise an ihrem Familienleben teilhaben lassen. Da sind Singles, deren Eskapaden ich mit leichtem Wehmut verfolge, aber auch mehrere PfarrerInen (!), die völlig unverstellt als der Mensch unter der Soutane twittern. Viele dieser Leute sind ziemlich klug, wahnsinnig witzig oder haben viel gesehen. Ihre Sicht auf die Dinge finde ich bereichernd. Natürlich gibt es neben all diesen Menschen viele Kunstfiguren, die sich z.B. hinter Promi-Avataren verstecken und sich eine ganz offensichtliche Wunsch-Identität stricken. Aber hey: Twitter ist eine Spielwiese aus Worten – wo, wenn nicht dort, sollte man das dürfen? Wenn es amüsant geschrieben ist, lese ich auch Selbstdarsteller gern.

Die Emotionen, die es triggert. Mindestens 20-mal am Tag lache ich wegen eines Tweets laut auf, mindestens 10 grandiose Links speichere ich zur späteren Verwendung ab. Mindestens 5-mal denke ich „Diesen Menschen möchte ich jetzt aber wirklich gern in Echt kennenlernen“, mindestens 2-mal bin ich den Tränen nah – aus Betroffenheit oder Rührung wegen eines getwitterten Themas.

Die Schnelligkeit. Ich bin selbst ein Mensch, der „langsam“ nur schwer ertragen kann. Twitter ist kurz, zackig, auf 140 Zeichen beschränkt. Man liest nur, was man lesen möchte, und teilt nur mit, was man loswerden möchte. Auf diese Weise ist Twitter für mich nicht nur zu einer unfassbar effektiven Informationsquelle geworden, sondern auch zu einem Kreativitätstool,  einer Kontaktbörse (dazu unten mehr) und – jawohl, auch das darf sein – zu einer Klagemauer für schlechte Tage.

Worüber twitterst Du am liebsten? 

Ich bin wohl die typische Querbeet-Twitterin. Meine zahlreichen Tweets drehen sich ebenso um berufliche Themen wie auch um die Familie oder meine private Meinung. Ich teile und verbreite gern Dinge, die mir auch für andere wertvoll erscheinen, mich amüsierten oder zum Nachdenken anregten. Es hat sich eingebürgert, dass ich den Morgen mit dem stets gleichen „ERWACHET!“ einläute (eine Parodie auf die Zeugen Jehovas, for sure) und mit einer Variation von „HEIACONTENT!“ beende. Kommen meine Kinder (auf Twitter bekannt als „die Brut“) aus der Schule nach Hause, melde ich mich auf unbestimmte Zeit ab mit „Argh! Hier kommt die Brut! #off“. Und zwischen all diesen festen Komponenten gnihihihe ich, empöre ich mich, belehre ich und bedanke mich. Für schnelle Hilfe, ein offenes Ohr, Nahrung für die Seele und jede Menge Kreativität.

Hast Du durch Twitter neue Menschen kennengelernt? 

Oh ja, ganz viele sogar! Einige davon sind mittlerweile fest in mein privates und/oder berufliches Leben integriert – als Freunde, Kollegen oder Auftraggeber. Es gibt ja immer wieder Twittertreffen, Lesungen von twitternden Autoren, Ausstellungen von twitternden Künstlern … die Möglichkeiten, Fleisch und Blut hinter den Avataren kennenzulernen, sind unendlich. Total cool finde ich auch, dass man quasi nie mehr allein sein muss, wenn man es nicht möchte. Steigt man in einen Zug (z.B. zu einem Kundenbesuch) und weiß, man wird 2 Stunden Aufenthalt in XY haben, setzt man vorher einen Tweet ab und tut das kund. Meist wird sich ein netter Follower finden, der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in XY weilt und gern einen Kaffee mit einem trinkt. Okay, da bin ich mit meinen doch recht vielen Followern natürlich begünstigt … aber theoretisch besteht diese Möglichkeit bei jedem.

Generierst Du auch Aufträge über Twitter? 

Oh ja, und wie! Ich würde sagen, dass aktuell ein sattes Drittel meiner Text- und Lektoratsjobs über Twitter reinkommen. Manchmal werden Auftraggeber direkt auf mich aufmerksam, manchmal empfiehlt man mich weiter. Mein Accountname ist da sehr von Vorteil: Man weiß sofort, DASS ich texte. „Textzicke“ impliziert aber auch, dass ich nicht auf den Mund gefallen bin und mich selbst nicht allzu ernst nehme. Sprich: Die bierernsten Textjob-Vergeber ohne Humor werden mich über Twitter kaum ansprechen – und das finde ich prima, denn es ist eine gute Vorselektion. ;-)

Du hast, wenn das so weitergeht, bald 6.000 Follower. Wie konnte das denn passieren?

Ach herrje, wenn ich das wüsste! Ich habe doch selbst keine Ahnung, warum die alle meinen Kram lesen wollen. Man hat mir allerdings wiederholt gesagt, ich käme 1. überwiegend witzig und 2. sehr authentisch rüber und das sei so eine nette Kombination. Das wird’s dann wohl sein. Was ich nämlich niemals tue, ist, mich zu verstellen. Viel zu anstrengend.

Gibt es noch etwas, was Du gerne zu Twitter unbedingt loswerden möchtest? :-)

Ja. Habt keine Berührungsängste! Seid einfach Ihr selbst und probiert es unbedingt aus! Twitter rockt.


04
Dez 12

NaNoWriMo is over. 27544 is the Ergebnis

Der Titel sagt ja schon alles: Nö, ich habe es nicht gepackt. Der NaNoWriMo ist zu Ende. Von den angepeilten 50.000 Wörtern habe ich nur 27.544 geschafft. Der November war viel zu vollgepackt und ich war schlecht vorbereitet. Nie wieder werde ich versuchen, eine Geschichte komplett ohne Plot zu schreiben, das habe ich schon mal gelernt und werde das auch bestimmt nicht mehr vergessen. Auch wenn es schon Spaß macht, einfach drauf los zu schreiben und erst auf dem Weg zu erfahren, wo die Reise hin geht — unter Zeitdruck funktioniert es für mich einfach nicht in dem großen Umfang. Aber nun, hätte ich es nicht versucht, hätte ich jetzt gar nichts in der Hand. Keine 100 Seiten einer völlig wirren Story, die jetzt erst mal in Ordnung gebracht werden muss, bevor ich da in Ruhe dran weiter schreiben kann. Ich schätze mal, die Hälfte davon kann ich getrost wieder streichen. Vieles ist einfach nur Schrott.

Am Anfang war es ja noch relativ einfach, aber je länger der Text wurde, desto mehr habe ich mich darin verstrickt und verzettelt und musste immer wieder den roten Faden suchen. Ich bin ja nun auch keine Romanschreiberin, an so lange Texte muss ich mich erst mal gewöhnen. Da passiert es eben, dass viel weiter vorne im Text noch eine wichtige Szene fehlt, damit es hinten wieder passt. Und schon springt man munter im Dokument hin und her, sucht die entsprechenden Stellen und verliert Zeit, die man natürlich nicht hat. Es gab Tage, da habe ich mal eben 5000 Wörter am Stück runtergeschrieben. Nur leider klappte das nur sporadisch.

Was mir aber teilweise am meisten zu schaffen machte: die Geschichte hat mich an einigen Stellen ein paar Mal ganz tief auf emotionaler Ebene getroffen. In diesen Momenten musste ich einfach Abstand nehmen, um meine Gedanken wieder klarer fassen zu können. Solche Augenblicke haben mich so sehr abgeschreckt, dass ich mich am nächsten Tag fast gar nicht getraut habe, das Dokument zu öffnen und nochmal durchzulesen. Wahrscheinlich muss ich auch einfach lernen, mich mehr von meiner eigenen Geschichte zu distanzieren anstatt mitreißen zu lassen. Ungefähr bis Mitte November klappte es auch noch, es kam in reglmäßigen Abständen einigermaßen Fluss rein und ich dachte: hey, das packste doch! Aber komischerweise gab es danach wohl einen Zeitpunkt, ab dem die Motivation immer mehr abnahm. Ach, es gab einige Gründe: Arbeit, Kinder, die bevorstehende Weihnachtszeit und irgendwas ist ja sowieso immer. Doch ein entscheidender Faktor, der mich in den ersten Tage noch anspornte, fehlte einfach. Und genau den habe ich bis zum Schluss nicht mehr wieder gefunden. Für den Dreh, das ganze Ding noch zu wuppen wäre der wichtig gewesen, nämlich. Vielleicht hat auch noch diese komische November-Stimmung in diesem komischen November sein übriges getan. Shit happens. Aber egal. Ich habe an Erfahrung gewonnen und nächstes Jahr gibt es dann einen neuen Versuch mit besserer Vorbereitung.


13
Nov 12

Henry James: Das Durchdrehen der Schraube. Eine Geistergeschichte

Eigentlich wollte ich zum Leseherbst in der Kaffeepause „Ich bin Charlotte Simmons“ von Tom Wolfe vorstellen. Durch die ganze Schreiberei bin ich aber leider immer noch ungefähr bei der Hälfte von knapp 1000 Seiten – ich befürchte, ich schaffe es auch nicht mehr, damit rechtzeitig fertig zu werden. Quatsch, ich weiß es.

Deshalb habe ich jetzt als Novemberempfehlung „Das Durchdrehen der Schraube“ (The Turn of the Screw) von Henry James ausgesucht, das ich schon vor etwas längerer Zeit gelesen habe. Es ist ein recht dünnes Buch (187 Seiten), das sich allerdings auf Grund der teilweise sehr verschachtelten Sätze nicht immer leicht liest und zudem dem Sprachstil des 19. Jahrhunderts entspricht. Trotzdem: James ist es mit diesem Werk hervorragend gelungen, eine geisterhafte und, ja, eine wirklich überdrehte, fast hysterische und zugleich unheilvolle Stimmung zu erzeugen und brilliert mit einer außergewöhnlichen Sprachgewandtheit. Wer Abends bei Kerzenschein oder vor dem Kamin gerne eine sehr subtile Gruselgeschichte mit reichlich Interpretationsspielraum lesen möchte, dem lege ich diesen gespenstischen Klassiker ans Herz.

Worum geht’s?

In einem südenglischen Landhaus findet sich bei gemütlichem Kaminfeuer am Weihnachtsabend eine Abendrunde zusammen. Einer der Anwesenden stellt eine Geschichte in Aussicht, die alles bisher Gehörte an Schaurigkeit, Grauen und Entsetzen übertreffen soll. Er trägt die ungeheuerliche Geschichte einer Erzieherin vor, die ihm vor einigen Jahren als Bericht zugespielt wurde: Eine junge Pfarrerstochter wird von einem wohlhabenden, alleinstehenden Gutsbesitzer als Hauslehrerin für die ihm anvertrauten Kinder auf seinem Familienanwesen (Bly) in Essex eingestellt. Der Gutsbesitzer selbst ist der Onkel dieser beiden Kinder – der achtjährigen Flora und des zwei Jahre älteren Miles. Nach dem Tod der Eltern nahm er sich der beiden Waisen an und suchte umgehend eine Gouvernante für sie. Als er sie einstellt, erhält sie die strikte Auflage, dass sie ihn niemals behellige und auch keine Briefe an ihn schreibe – weder Bitten noch Klagen.

Auf Bly angekommen lebt sie sich schnell auf dem Anwesen ein und findet in der Haushälterin Mrs. Grose eine gute Freundin. Zunächst muss sie nur Flora betreuen, da Miles ein Internat besucht. Die Hauslehrerin – ihr Name wird in der ganzen Geschichte nicht erwähnt – und die Kinder pflegen einen liebevollen und freundschaftlichen Umgang miteinander. Beide Kinder sind überaus zauberhafte und sanfte Wesen — die engelhafte Flora ist an Liebreiz kaum zu übertreffen während Miles mit einer außergewöhnlichen Schönheit und besten Manieren aufwartet. Umso mehr irritiert es, dass Miles ganz plötzlich, ohne Angabe nachvollziehbarer Gründe, von seiner Schule verwiesen wird. Während sich die unerfahrene Erzieherin noch Gedanken darüber macht, wie es mit dem Jungen weiter gehen soll, wird sie mit unheimlichen Geschehnissen konfrontiert. An verschiedenen Stellen des Anwesens begegnet ihr mehrmals eine unheimliche Männergestalt, die sie eindringlich anstarrt. Wenige Tage später, während eines Spazierganges am See mit Flora, fällt ihr eine schöne, komplett in Schwarz gekleidete zierliche Frau auf. Flora wendet ihren Blick ab und weigert sich hinzusehen.

Nach Rücksprache mit Mrs. Grose stellt sich heraus, dass es nur Mr. Quint und Mrs. Jessel sein können — doch die beiden sind längst tot. Die Haushälterin erzählt nun die Geschichte von Peter Quint — dem ehemaligen Diener des Gutsherren — und Mrs. Jessel, der ehemaligen Gouvernante der Kinder. Laut Mrs. Grose sollen die beiden einen schlechten Einfluss auf die Kinder ausgeübt haben. Insbesondere Quint soll eine sehr enge und ungesunde Bindung zu Miles gehabt haben. Die Kinderfrau sieht nun ihre Schützlinge in höchster Gefahr. Zusätzlich zu der Bedrohung der angeblichen Geister beunruhigt sie auch das immer merkwürdigere Verhalten der Kinder. Sie muss mit allen Mitteln die Kinder vor der drohenden Gefahr beschützen. In ihrer verzweifelten Lage schreibt sie sogar einen Brief an ihren Gutsherren …

In “Das Durchdrehen der Schraube” darf man keine fertige Lösung erwarten. Vieles wird gesagt, aber vieles bleibt einfach ungeklärt. Das Ende lässt so viele unterschiedliche Interpretationen zu, die diesem Werk einen ganz besonderen Reiz verleihen. Sieht die Gouvernante wirklich Geister oder sind es nur Illusionen? Ist ihre Sorge begründet, oder steigert sie sich in einen zwanghaften Wahn hinein? Sind die Kinder wirklich engelsgleiche reine Wesen? Was verheimlichen sie aber vor ihrer Kinderfrau? Blut, Gewalt und Monster wird man hier nicht finden. Und auch die Bezeichnung “Geistergeschichte” sollte nicht überbewertet werden, da dieses Buch im 19. Jahrhundert geschrieben wurde. Das hier ist also kein Horror à la Stephen King — aber eine unter die Haut gehende Geschichte wenn man es versteht, zwischen den Zeilen zu lesen.